Öl und Wasser
Ich möchte hier noch auf den Charakter Akiko Yosano zu sprechen kommen. Man kann im Internet kaum über Motojiro Kajii reden, ohne auch auf sie zu stoßen – schließlich wird Motojiro in einer direkten Konfrontation mit ihr das erste Mal richtig vorgestellt. Von dem, was ich unter Fans vernehme, scheint Yosano sehr beliebt zu sein. Ich hingegen mag sie überhaupt nicht. Für mich vermittelt sie widersprüchliche Werte, mindert durch ihre bloße Existenz die Konsequenzen für das Handeln anderer Charaktere und rutscht mir zu sehr in die Schiene des männerhassenden Klischee-Feminismus ab.

Sie ist die Ärztin der Bewaffneten Detektive. Mit ihrer Fähigkeit „Du sollst nicht sterben“ kann sie sowohl ihre eigenen als auch die äußeren Wunden anderer heilen. Allerdings gibt es einen Haken: Sie kann nur tödliche Verletzungen heilen. Das bedeutet, sie muss die meisten ihrer Patienten erst einmal halbtot prügeln, um sie überhaupt verarzten zu können.
Das alleine ist eigentlich ein hochspannendes Konzept – gezwungen zu sein, jemanden, um den man sich sorgt, so schwer zu verletzen, um ihm zu helfen. Die Serie macht daraus allerdings etwas anderes. In ihrer ersten Folge drückt sie lediglich Enttäuschung darüber aus, dass niemand verletzt ist: „Wie jetzt, niemand verletzt? – Das ist ja öde.“
Wirklich kennen lernen wir sie (genau wie Motojiro) erst in Folge 8. Zu Beginn der Episode fragt der Protagonist Atsushi, ob es Tanizaki nach seiner letzten Verwundung wieder gut geht. Tanizaki ist von Yosanos „Behandlung“ so traumatisiert, dass er Atsushi panisch warnt, sich bloß nicht ernsthaft zu verletzen. Er wird sogar gefragt, wie oft sie ihn schon „zerteilt“ hat. Kurz darauf erscheint Yosano im Türrahmen und degradiert Atsushi prompt zum Packesel für ihren Einkaufsbummel. Wenig später sitzen die beiden in genau dem Zug, den Motojiro bombardiert. Sie teilen sich auf und auf dem Weg zum Schaffnerabteil gerät Yosano mitten in die Explosion einer seiner Zitronenbomben. Bei ihrer ersten Begegnung mit Motojiro lässt sie auf seine Verwunderung, warum sie noch lebt, nur einen locker-lässigen Spruch darüber ab, dass Männer und Frauen heutzutage ja gleichberechtigt wären:
Motojiro: “Ah, du lebst noch? Das ist ja ganz erstaunlich. Die Frauen von heute sind wirklich taff.”
Yosano: “Heutzutage sind Männer und Frauen gleichberechtigt.“ – Okay, das hat er gar nicht in Frage gestellt.- „Ich finde es viel erstaunlicher das ein gesuchter Verbrecher wie du sich hier rumtreibt, Motojiro Kajii.”
“Für die Hafenmafia die sonst für ihre Verschwiegenheit regelrecht berüchtigt ist, ein ziemlich berühmter Bombenleger.”
“Bei einem Anschlag auf das Maruzen Gebäude hast du vor kurzem 28 Menschen getötet.”
Motojiro: “Und das war wirklich ein Genuss. Hach, Sinkender Puls, Tod der Nervenzellen durch Sauerstoffmangel, Laktatazidose. Der Tod ist Musik die aus zahllosen Zustandsveränderungen besteht. Und der Tod ist noch immer unumkehrbar.”
Yosano: “Der Tod ist für dich ein Experiment?”
Motojiro: “Die ultimative Wissenschaft ist die von Gott und Tod. Die beiden existieren aber durch die Wissenschaft können sie nicht überwunden werden. Umso mehr werden wir von ihnen angezogen. Du kannst ja mal raten welche Farbe dein Blut hat..”
Yosano: “Na dann finde es doch raus.”
(Mal ehrlich: Wäre ein besserer Konter hier nicht gewesen zu sagen, dass Frauen schon immer taff waren?) Wie dem auch sei, die Perspektive schwenkt erst einmal rüber zu Atsushi. Danach sehen wir, wie Motojiro Yosano zu Boden tritt, bereit, sie zu töten:
Motojiro: „So toll, wie die Gerüchte sagen, seid ihr von diesem berühmten Büro gar nicht. Macht nichts, du wirst jetzt jedenfalls sterben. Aber zuvor erklär mir doch mal: Was ist Sterben?“
Yosano: „Warum fragst du?“
Motojiro: „Ach nur so, aus akademischem Interesse. Ich bin nämlich ein Forschender. Ursachen für den Tod sind sowohl Sauerstoffmangel als auch die Abnutzung der Telomere. Auf Laborebene ist das eine simple und unumkehrbare Reaktion. Aber warum ist denn der Tod unumkehrbar? Warum sterben wir Menschen irgendwann?“
Yosano: “Jetz’ erzähl bloß noch das du das nicht weißt. So toll ist eure Mafia dann wohl auch nicht.”
Motojiro: “Du glaubst die kleine Schnüfflerin eines Detektivbüros hat mehr Ahnung als ich? Ich, der nach wissenschaftlicher Wahrheit Suchende Kajii?”
Yosano: “Natürlich hab ich das, der Grund ist ganz einfach. Du bist schlicht und ergreifend ein Idiot.”
Von dieser Aussage provoziert, rammt Motojiro ihr ein Messer in die Hand und fixiert sie somit am Boden des Wagons, bevor er sie mit weiteren Bomben zurücklässt.
Motojiro: “Danke für deinen nützlichen Hinweis, Schätzchen. Klar, du als Allwissende weißt das selbstverständlich. Wenn man durch Blutverlust gestorben ist, leben Gehirn und Bewusstsein noch acht Stunden weiter. Ich werde später deine Leiche befragen. Du bist dann tot, aber wie fühlt sich das an? Also dann, fühl dich wie zuhause.”
Auf Motojiros philosophische Frage, was Sterben eigentlich bedeutet und warum physische Prozesse im Labor zwar theoretisch umkehrbar scheinen, der biologische Tod im echten Leben aber dennoch endgültig ist, antwortet Yosano also mit purer Kindergartenlogik: Du weißt das nicht, weil du dumm bist.
Sorry, aber so funktioniert gutes Writing für mich nicht. Einen Charakter zu haben, der einen anderen einfach nur „dumm“ nennt, ohne mich im Gegenzug von der eigenen Intelligenz zu überzeugen, lässt den Charakter nicht schlau wirken.
Anders als Yosano habe ich tatsächlich mal recherchiert, auf welche Studien sich Kajii hier bezieht und das Warum auf Kajii’s Frage: Er bezieht sich hier auf die Telomerase, also die Umkehrung der Telomer-Abnutzung. Das sind die Schutzkappen unserer Chromosome, die sich mit jeder Zellteilung verkürzen, bis die Zelle schliesslich stirbt.
In den 1980er Jahren entdeckten die Forscherinnen Elizabeth Blackburn und Carol Greider das Enzym Telomerase. Dieses Enzym kann Telomere wieder verlängern. Im Labor gelang es Wissenschaftlern, Zellen durch künstliche Aktivierung der Telomerase „unsterblich“ zu machen. Die Zellen teilen sich unendlich oft weiter, ohne zu altern.
Warum sterben wir trotzdem? Weil die Aktivierung der Telomerase im menschlichen Körper eine extreme Gefahr birgt: Sie ist der Hauptmechanismus, durch den Krebszellen unsterblich werden. Der Körper schaltet die Telomerase in gesunden Zellen bewusst ab, um uns vor unkontrolliertem Tumorwachstum zu schützen.

Kajii spricht davon, dass die irreversible Reaktion des Alterns im Labor umgekehrt werden kann. Das wohl berühmteste Experiment hierzu betrifft die epigenetische Verjüngung. Im Jahr 2006 entdeckte der Forscher Shinya Yamanaka (Nobelpreis 2012), dass man reife, gealterte Zellen durch die Zugabe von vier Proteinen (den Yamanaka-Faktoren) genetisch komplett zurücksetzen kann. Sie werden wieder zu embryonalen Stammzellen – der biologische Alterungszähler wird auf Null zurückgesetzt.
Wenn man diese Faktoren im Labor auf einzelne Zellen anwendet, funktioniert die „Umkehrung“. Versucht man jedoch, ein ganzes lebendes Tier (oder einen Menschen) so komplett zu verjüngen, verliert der Organismus seine Struktur. Die Zellen vergessen ihre Funktion (eine Hautzelle weiß nicht mehr, dass sie eine Hautzelle ist), und es bilden sich massive Tumore (Teratome).
Kajii erwähnt Sauerstoffmangel als Todesursache. Auf Organebene führt Sauerstoffentzug (Ischämie) innerhalb von Minuten zu irreversiblen Schäden. Im Labor gibt es jedoch Versuche, diesen Prozess massiv zu verzögern. In verschiedenen Studien (u.a. an Universitäten wie Yale mit dem Projekt „OrganEx“ im Jahr 2022) gelang es Forschern, die Zellfunktionen in den Organen von Schweinen noch Stunden nach dem klinischen Tod (Sauerstoffmangel) teilweise wiederherzustellen und den Zelltod zu stoppen. Auch Versuche zur Kryokonservierung (Einfrieren von Gewebe) zeigen, dass Zellen Sauerstoffmangel im Labor schadlos überstehen können.
Ein einzelnes Organ oder Gewebe lässt sich zwar im Labor künstlich am Leben erhalten oder „retten“. Doch das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes, vernetztes System. Sobald die Sauerstoffzufuhr unterbrochen ist, bricht das Bewusstsein und das Zusammenspiel der Organe irreversibel zusammen. Der Mensch als System stirbt, selbst wenn einzelne Zellen im Labor noch gerettet werden könnten.
Wissenschaftliche Studien zeigen genau das, was Motojiro Kajii fasziniert: Altern und Tod sind keine unumstößlichen Gesetze für eine einzelne Zelle, aber ein unumgängliches Gesetz für den komplexen Organismus.
Die Evolution hat beim Menschen den Schutz des Gesamtsystems priorisiert: Um uns vor Krebs zu schützen, müssen unsere Zellen sterben. Ein Mensch ist kein Haufen unsterblicher Laborzellen, sondern ein biologisches Uhrwerk – wenn ein Zahnrad (wie das Gehirn durch Sauerstoffmangel) bricht, steht das gesamte Werk still, selbst wenn man die einzelnen Zahnräder im Labor reinigen und verjüngen könnte.
Im Kampf gegen Motojiro kann ich ja noch verstehen, dass sie sich nicht um sein Wohlergehen sorgt. Die beiden stehen durch ihre Weltanschauungen im fundamentalen Konflikt. Hier kollidieren zwei Welten mit voller Wucht: Wissenschaft auf der einen, Ideologie auf der anderen Seite. Den ersten Kampf gewinnt die Ideologie.
Bei ihren eigenen Detektiv-Kollegen sieht das Ganze allerdings ähnlich absurd aus. Es ist in der Serie ein Running Gag, dass alle panische Angst vor ihren Behandlungen haben – es sei denn, das Skript verlangt es gerade anders, und sie stürzen sich furchtlos in den Kampf, weil Yosano sie ja eh wieder zusammenflicken kann. Das meine ich mit widersprüchlich. Und ja, ich weiß, was jetzt von Fans kommt: „Aber Sylvia, sie hatte eine traumatische Kindheit, in der ihre Fähigkeit ausgenutzt wurde, und sie will nur verhindern, dass das wieder passiert!“
Mag sein. In Staffel 4 erfahren wir, dass Yosano als Elfjährige im Krieg als mobile Krankenstation für Soldaten eingesetzt wurde. Sie musste die Soldaten immer und immer wieder am Rande des Todes heilen, damit sie sofort wieder an die Front geschickt werden konnten. Das führte dazu, dass die Soldaten psychisch zerbrachen (einer nahm sich sogar das Leben), weil sie in einer endlosen Schleife aus Sterben und Wiederaufstehen gefangen waren. Yosano hat dadurch ein tiefes, schweres Trauma erlitten und hasst es zutiefst, wenn das Leben von Menschen als Wegwerfware behandelt wird.
Wie passt dieses traumatische Erlebnis dazu, dass sie im Detektiv-Alltag absolut sadistische Freude und Ekstase (oft untermalt mit irrem Lachen und einer Kettensäge) dabei empfindet, ihre eigenen Kollegen wie Tanizaki oder Atsushi brutal zu verstümmeln, nur um sie danach zu heilen? Wenn man miterlebt hat, wie Menschen psychisch daran zerbrechen, nonstop schwer verletzt und wieder zusammengeflickt zu werden, macht es absolut keinen Sinn, dass sie das Trauma ihrer eigenen Freunde als wöchentlichen „Running Gag“ zelebriert.
Aber werfen wir mal einen Blick in die offiziellen Manga-Steckbriefe. Dort wird erwähnt, dass sie Chauvinisten hasst – schwache Männer allerdings genauso. Am Ende rettet ihr in der ersten Konfrontation mit Motojiro schlicht ihre völlig overpowerte Fähigkeit den Arsch. Nicht ihre Intelligenz, nicht ihre physische Stärke. Eine Fähigkeit, die in diesem Universum zudem extrem selten ist, weil sie ja „etwas Besonderes“ sein muss.
Auch bei Motojiro Kajii gibt es faszinierende Widersprüche – allerdings unterscheiden sie sich grundlegend von denen Yosanos. Während Yosanos Widersprüche eher aus inkonsequentem Writing resultieren, sind Kajiis Widersprüche bewusste, psychologische Charakterzüge. Sie machen ihn zu einem hervorragend geschriebenen, loyalen Wahnsinnigen.
Sein vermeintlicher Blick auf Menschen als bloße „Testsubjekte“ beißt sich auf den ersten Blick komplett mit seiner Rolle in einer streng hierarchischen kriminellen Organisation wie der Hafenmafia. Wenn man sich jedoch seine Beziehungen genauer anschaut, entfalten sich hochspannende Dynamiken:
Als radikaler Wissenschaftler, dessen Lebensmotto es ist, alles anzuzweifeln, müsste Kajii eigentlich jede Form von blindem Gehorsam, Dogmen und unhinterfragter Autorität verabscheuen. Sobald der Boss der Hafenmafia, Ōgai Mori, den Raum betritt, bricht Kajiis rebellische Natur komplett in sich zusammen. Er verbeugt sich tief, nimmt eine seltene, todernste und zutiefst respektvolle Haltung an. Warum unterwirft sich ein Mann, der den Tod bezwingen will, einem menschlichen Boss? Mori ist selbst studierter Mediziner und nutzt eine eiskalte, absolut rationale Logik, um die Mafia zu leiten („die optimale Lösung für die Organisation“). Kajii rebelliert nicht gegen Mori, weil er in Moris gnadenloser Strategie eine Form von gesellschaftswissenschaftlicher Perfektion sieht. Für Kajii ist die Hafenmafia kein Gefängnis, sondern das ultimative, vom Boss finanzierte Labor, das ihm endlose Ressourcen für seine Experimente liefert. Seine Loyalität ist der rationale Deal eines Forschers, der seinen Geldgeber respektiert.
Mein Fazit zu den beiden:
- Unfaires Fandom: Ich finde es ungerecht, dass Motojiro im Internet oft als reine Witzfigur abgetan wird, obwohl er in den wenigen Auftritten, die er hatte, mehr spürbare Charakterentwicklung zeigt als seine Widersacherin.
- Machtlos im Rematch: Bei der zweiten Konfrontation ist Yosano mit ihrer ach so tollen Fähigkeit plötzlich völlig machtlos – und das, obwohl Kajii im Grunde lediglich mehr seiner Zitronen mit zum Kampf gebracht hat. Er zwingt sowohl sie als auch Tanizaki und Kenji, drei Charaktere mit recht starken Fähigkeiten, zum Rückzug. Er hat gelernt und sich vorbereitet.
- Heuchelei vs. Wahnsinn: Mir ist ein verrückter Wissenschaftler, der mit Zitronen Leute in die Luft jagt und dabei ernsthaft über den Tod philosophiert, am Ende einfach sympathischer als eine Frau, die behauptet, ihr sei das Leben heilig und sie hasse es, ihre Fähigkeit missbrauchen zu müssen – nur um dann pure Ekstase zu verspüren, wenn sie ihre eigenen Kollegen foltert, um sie zu „behandeln“.
Glaube und Wissen
Das Schöne ist: Kajii nutzt die aus seiner Niederlage gesammelte Erfahrung später gegen Nathaniel Hawthorne und Magaret Mitchel. Er gibt sich schwächer als er eigentlich ist und schafft es somit im alleingang den Luxusliner, die S.S. Zelda zu versenken, die Basis der Gilde. Interessant ist auch, dass Nathaniel ein Priester ist. Diesmal heißt es also: Wissenschaft gegen Religion. Motojiro erklärt passend, dass es die Natur religiöser Menschen ist, unerschütterlichen Glauben zu haben, während die absolute Grundlage der Wissenschaft darin besteht, alles in Frage zu stellen.
Hier unterscheiden sich Manga und Anime in zwei Punkten. Erstens: Kajii murmelt im Manga zwei Formeln. Die Schrödinger-Gleichung und die Einsteinsche Feldgleichung. Zweitens: Wie bereits im Abschnitt über Kajiis Aussehen erwähnt, hat Kajii die Leiche von James mit Zitronenbomben ausgestopft. Im Anime fehlt die Szene komplett.
„Die Grundlage der Wissenschaft ist es alles anzuzweifeln.“
Getreu diesem Motto lädt Kajiis Charakter geradezu dazu ein, die Serie und seine Fähigkeiten genauer zu hinterfragen. Nach all den ernsten Gedanken über Ideologien und Fandom-Dynamiken tut es gut, ein paar der skurrilen Rätsel zu beleuchten, die er uns aufgibt.
Theorie 1: Kajiis Niederlage war von Mori eiskalt geplant
Ich habe da diese Theorie, die auf den ersten Blick vielleicht absurd wirkt, bei genauerer Betrachtung von Moris Charakter aber absolut plausibel ist: Was, wenn Motojiro Kajii im Zug absichtlich verlieren sollte?
Es ist doch höchst paradox: Der Boss der Hafenmafia, Ōgai Mori weiß alles über Akiko Yosano. Sie war im Krieg seine persönliche Assistentin, er kennt ihre Fähigkeit „Du sollst nicht sterben“ in- und auswendig. Warum schickt ein militärisches Genie wie Mori also einen Bombenleger in einen Zug, in dem sich Yosano befindet, ohne ihn mit einem einzigen Wort vor ihrer Gott-Fähigkeit zu warnen? Kajii läuft völlig blind in sein Verderben. Das kann kein Zufall oder mangelnde Aufklärung der Hafenmafia sein.
Die Antwort liegt im großen Schachspiel gegen die Gilde. Die Gilde beobachtete die Ereignisse in Yokohama zu diesem Zeitpunkt bereits ganz genau. Indem Mori einen seiner berüchtigtsten Bombenleger scheinbar kläglich gegen eine „dahergelaufene Detektivin“ verlieren lässt, hat er die perfekte Nebelkerze gezündet. Die Gilde unterschätzte die Hafenmafia daraufhin maßlos. Sie hielten Moris Organisation für einen Haufen exzentrischer Amateure – und genau diese Arroganz machte die Gilde später so verwundbar und leicht angreifbar. Kajii war in diesem Moment Moris perfekter Opferbauer: Er musste verlieren, damit die Mafia am Ende den Krieg gewinnt.
Theorie 2: Der Mann, der den Autoren durchschaut hat
Und nun zu meiner absoluten Lieblingstheorie, die Kajiis vermeintlichen Wahnsinn in ein völlig neues Licht rückt: Was, wenn Motojiro Kajii der einzige Charakter ist, der weiß, dass er in einem Manga existiert?
Später in der Story spielt „Die Seite“ eine zentrale Rolle – ein mächtiges Artefakt, auf das man Ereignisse schreibt, die dann zur unumstößlichen Realität werden. Im Grunde ist diese Seite die physikalische Manifestation des Manga-Skripts selbst. Wer sie besitzt, wird zum Co-Autor der Geschichte. Fast jede Fraktion in Yokohama jagt dieses Objekt. Doch Kajii, der Mann, der besessen davon ist, den Tod und die Realität zu erforschen, würdigt die Seite keines Blickes. Warum?
Weil er die ultimative Meta-Wahrheit verstanden hat. Für einen echten Wissenschaftler wäre das Umschreiben der Realität durch eine magische Buchseite blanker Betrug. Er will den Tod nicht durch einen billigen Plot-Twist überwinden, sondern seine biologischen Mechanismen auf Laborebene begreifen. Wenn er zu Yosano sagt, dass „Gott und Tod“ die ultimativen Wissenschaften sind, meint er vielleicht gar kein kosmisches Wesen – sondern den Mangaka selbst, der mit seiner Feder über Leben und Sterben der Figuren richtet.
Kajiis exzentrisches, oft völlig überdrehtes Verhalten ist keine Inkompetenz. Es ist die pure, existenzielle Reaktion eines Genies, das erkannt hat, dass seine Welt aus Tinte besteht. Während alle anderen Charaktere verbissen um Ideologien, Macht und Überleben kämpfen, lacht Kajii dem System ins Gesicht, jagt Dinge mit Zitronen in die Luft und genießt das absurde Schauspiel seiner eigenen Fiktion.
Hinter all diesen offenen Fragen steht jedoch eine viel tiefere, düstere Wahrheit: Seine unerschütterliche Obsession mit dem Tod. Kajiis abstruse Faszination für die Vergänglichkeit lässt sich wunderbar durch die reale Welt begründen, da sein realhistorisches Vorbild, der echte Autor Motojirō Kajii, aufgrund seiner früh diagnostizierten Tuberkulose sich ständig mit dem Tod konfrontiert sah. Allerdings ist in der Serie nicht bekannt ob nun auch der Charakter an einer Krankheit leidet, ob die Forschung zum Tod und wie man ihn umgeht, nur aus Eigennützigkeit betrieben wird, oder er vielleicht jemanden wichtiges verloren hatte. In seiner berühmten Kurzgeschichte „Under the Cherry Trees“ (Unter den Kirschbäumen) schreibt er:
"Unter den Kirschblüten liegen Leichen begraben!Übersetzung aus der Kurzgeschiche: „Under the Cherry Trees“
Das ist eine Wahrheit, die Sie akzeptieren müssen, denn wie sonst könnten die Blüten des Kirschbaums in ihrer Schönheit so prächtig
blühen?"
Es ist genau diese makabre, aber poetische Symbiose aus Leben, Tod und Wissenschaft, die den Anime-Charakter so viel vielschichtiger macht, als das Internet ihm oft zutraut.
Ich glaube viele im Fandom behandeln Kajii so unfair weil sie ihn hässlich oder nervig finden, was ich nicht nachvollziehen kann. Er ist eigentlich sehr hübsch, wie fast alle Charaktere in der Serie, sogar mit der Topffrisur. Die ist nicht das Problem, viele Männer im asiatischen Raum haben diesen Two-Block Cut. Ich glaube die Kleidung schreckt viele ab. Und die Leute die ihn trotz seiner wenigen Auftritte so nervig finden, als hätte er sie persönlich beledigt, scheinen generell eine kurze Zündschnur zu haben. (Pun not intended) Außerdem besitzt Kajii die Frechheit mit seiner bloßen Existenz so viele Fragen aufzuwerfen, nur um dann wieder von der Bildfläche zu verschwinden ohne uns auch nur eine Antwort zu geben. Ich habe den Eindruck das Dazai auf Dauer wesentlich nerviger ist, nicht nur für Kunikida, Chuuya oder Ango. Er hat all die Tiefe die er in der Mafia besaß verloren.
Gehörst du auch zum Yosano-Fanclub oder kannst du meine Frustration über ihre „Kindergarten-Logik“ und den unfairen Hype nachvollziehen? Findest du auch, dass Motojiro im Fandom oft zu Unrecht als bloße Witzfigur abgestempelt wird? Lass es mich wissen – ich bin gespannt auf deine Meinung!
Links & Quellen:
- Bungo Stray Dogs Trailer
- Bungo Stray Dogs Wiki
- Bungo Mayoi Wiki
- Die Poetik der Farben und der Einsamkeit: Kajii Motojirōs „Zitrone“ lesen – Amazon
- „Bildrolle der Finsternis“ – Amazon
- „LEMON: Kurzgeschichten von Motojirō Kajii“ – Amazon
Anime mochte ich schon immer sehr gerne;)