Für jemanden wie mich ist es schwer Favoriten zu nennen, es gibt bei mir nicht dieses eine Lieblingslied oder diesen einen Lieblingsfilm. Doch nun glaube ich einen Lieblingsanime/Manga und vorallem einen Lieblingscharakter gefunden zu haben. Und wie so oft, wenn man Fan einer Sache wird, lässt man sich etwas zu sehr mitreißen. So habe ich alle Staffeln, den Film, das Special und den SpinOff Anime geschaut, das Handyspiel runtergeladen, mir den Manga gekauft. Ich glaub‘ ihr versteht… Natürlich werde ich in diesem Text einiges vorweg nehmen, daher empfehle ich zumindest den Anime zu schauen. Link zum Trailer gibts ganz unten.


Bungo Stray Dogs ist eine Manga Reihe erstellt von Kafka Asagiri und Sango Harukawa, die mittlerweile ihre eigene Anime sowie Bühnen Adaption und mehrere Light Novels umfasst. Bungo Stray Dogs heißt sowas wie „Literarische Streuner“ oder „Streunende Hunde der klassischen Literatur“

Die Geschichte dreht sich um mehrere Charaktere und deren übernatürlichen Fähigkeiten, die von Autoren unserer echten Welt inspiriert sind. So finden sich zum Beispiel bekannte japanische Autoren wie Atsushi Nakajima, Osamu Dazai auf der Seite der Bewaffneten Detektive und Ryunosuke Akutagawa oder auch Chuuya Nakahara auf Seite der Hafenmafia in Yokohama wieder. Doch heute möchte ich über jemanden schreiben der leider, wenn überhaupt, eher im Hintergrund zu sehen ist, Kajii Motojiro der Bombenleger der Hafenmafia.

Im Anime hatte er in den ersten drei Staffeln bisher auch nur drei große Auftritte. So hatte ich beim ersten mal durchschauen mir auch nicht allzu viele Gedanken zu ihm gemacht. Ich war davon ausgegangen mich mehr für Charaktere wie Dazai oder Chuuya zu begeistern. Wie die meisten anderen wahrscheinlich. Ich hatte beim zweiten Mal Schauen mit meiner Nichte darüber gescherzt, dass Lemonboy, wie wir ihn nannten, ja der Beste Charakter sei. Mit der Zeit wurde diese Aussage immer weniger ironisch.

Kajii unter seinen Mafiosi-Kollegen.

Fotoaufnahme aus dem Manga Band 2 Seite 122

Motojirō ist so explosiv wie seine Zitronenbomben. Ein exzentrischer Mann mit einer intensiven Besessenheit über die Wissenschaft und der Form einer Zitrone. Er hat die Angewohnheit, in einer seltsamen Art von „Code“ zu sprechen, der sich auf das Universum konzentriert und den Boss der Hafen-Mafia als „Admiral des Universums“ bezeichnet. Motojirō hört selten auf, jedes seiner Worte zu rufen, und wenn er es nicht tut, verspottet er seine Gegner oder schwärmt lyrisch von seiner eigenen Intelligenz.

Trotz all seiner Exzentrizität ist Motojirō ein versierter und erfahrener Wissenschaftsliebhaber. Motojirō ist stolz darauf, ein Physiker zu sein, der mit mehreren „Experimenten“ die Wissenschaft auf jeden Aspekt seines Lebens anwendet. Er stellt das Leben auf Schritt und Tritt in Frage und zweifelt besonders an den Konzepten von Leben und Tod, einschließlich ihrer Beziehungen zu höheren Mächten wie Gott.

Für Motojirō gibt es unzählige faszinierende Phänomene, die beim Tod auftreten. Daher denkt er nur sehr wenig über den Menschen als Individuum nach, außer dass er Gegenstand seiner „Experimente“ ist. Er fragt sich, was der Tod genau ist und warum er so unvermeidlich ist, da er weder von der Wissenschaft noch von Gott überwunden werden kann.

Obwohl Motojirō überschwänglich und arrogant ist, entpuppt er sich als engagierter Mafioso. Als berüchtigter Terrorist ist er einer der wenigen öffentlich bekannten Mafiosi, worauf er stolz ist. Er betrachtet seine „Experimente“ und Morde als wertvollen Fortschritt in seinen nie endenden Studien und zeigt absolut keine Reue für die Gräueltaten, die er begeht. Im Kampf ist er brutal und sadistisch und schaut auf seine Gegner herab, sowohl wegen ihrer Schwäche als auch wegen ihrer „minderwertigen“ Intelligenz im Vergleich zu seiner eigenen. Um das Ganze abzurunden, ist Motojirō auf Überraschungsangriffe und Hinterhalte spezialisiert und zeigt unglaubliche Fähigkeiten darin, Bomben strategisch an Orten zu platzieren oder die Umgebung zu seinem Vorteil zu manipulieren.

Körperlich ist er nicht sonderlich stark. Dies zeigt sich besonders deutlich im Kampf gegen Akiko Yosano, nachdem sie einem unvermeidlichen Tod „getrotzt“ hat, worauf hin er eine Niederlage einstecken musste. Er kann diese negative Erfahrung jedoch zu seinem Vorteil nutzen, indem er vorgibt, sich vor Margaret Mitchell und Nathaniel Hawthorne zu fürchten, um sie unvorsichtig werden zu lassen.

In seinem Kern sieht Motojirō die Welt als langweilig an und kanalisiert seine Frustrationen in die Zitronenbomben, die er erschafft. Er nennt die Zitrone aufgrund ihrer „ultimativen Geometrie“ den Zerstörer einer langweiligen Welt. Er spielt darauf an, die Mafia als Flucht vor Langeweile zu sehen, da sie ihm endlose Möglichkeiten bietet, seine „Experimente“ durchzuführen.


Als wir in Bungo Stray Dogs das erste Mal auf Kajii treffen, wird er uns als berühmter Bombenleger vorgestellt, der vor Kurzem bei einem Anschlag auf das Maruzen 28 Menschen getötet hat. Auf diese Bemerkung reagiert er mit Begeisterung.

Kajii hat eine große, schlanke Figur und kurzes braunes Haar mit gleich langem Pony auf der Stirn. Seine Augen sind von einer lila-getönten Schutzbrille mit orangem Rahmen verdeckt. Jedoch weiß man durch einige Karten im Handyspiel Tales Of The Lost das er dunkelgrüne Augen hat. Sango Harukawa erwähnte das Kajii, schrecklich leblose Augen besitzt.

Kajii’s Modegeschmack ist auf den ersten Blick…fragwürdig, dennoch sind in seinem Design viele Einflüsse durch den Autoren und seine Werke erkennbar.

So zum Beispiel seine Schutzbrille, die er im Anime bisher nicht ein einziges Mal abgesetzt hat. In seinen Kurzgeschichten (wie „Aru kokoro no fukei (ある心の風景)“ oder „Landschaften einer Seele“) thematisiert der reale Kajii immer wieder visuelle Halluzinationen, veränderte Wahrnehmungen und eine tiefe Faszination für das Spiel von Licht und Schatten im Dunkeln. Die Brille im Anime symbolisiert diesen „verzerrten Blick“ auf die Welt – sie filtert das normale Licht und zeigt Kajii’s ganz eigene, wissenschaftlich-abstruse Realität.

Kajiis Labor Kittel ist an den Ärmeln und am Saum völlig abgewetzt und ausgefranst. Im Anime unterstreicht das seinen Status als gesetzloser Bombenleger. In der Realität spiegelt es jedoch die bittere Armut und Verwahrlosung des echten Autors wider. Der reale Kajii verbrachte seine letzten Lebensjahre verarmt und isoliert, gezeichnet von seiner schweren Krankheit. Der abgenutzte Kittel ist das visuelle Gewand seines von Armut geprägten Lebensgefühls.

Darunter trägt er eine weißes Hemd, mit einem losen, braunen, gürtelähnlichen Accessoire, und ausgefranste blaue Hosen.

An seinem Kittel hängen einige Pins, zwei links – ein etwas größeren gelben mit einem Gesicht und ein kleiner schwarzer mit einem roten „X“. Auf der rechten Seite befindet sich ein orangefarbener Pin mit einem Ausrufezeichen.

Diese wirken fast kindlich, stehen aber in hartem Kontrast zu seinen tödlichen Experimenten. Literarisch greift dies das fundamentale Kernmotiv von Kajii’s Werken auf: die Co-Existenz von kindlicher, unschuldiger Freude an trivialen Dingen und der brutalen, unumkehrbaren Realität des Todes. In „Lemon“ findet der todkranke Erzähler plötzlichen, kindlichen Trost im Anblick billiger Feuerwerkskörper im Schaufenster oder eben beim Kauf einer einfachen, perfekten Zitrone. Die Pins symbolisieren genau diese paradoxe Leichtigkeit inmitten der Finsternis.

Einen Pin finde ich ganz besonders faszinierend.

Es ist nämlich im Design visuell unklar, ob es sich um zwei überkreuzte Metallklammern handelt, oder um ein festes „X“. Eigentlich spielt das aber gar keine Rolle, denn das X bleibt visuell bestehen – und hat damit gleich drei Bedeutungsebenen:

  • Das große Unbekannte. In der Mathematik und Physik steht das „X“ für die große Unbekannte, die gelöst werden muss. Für Kajii ist diese ungelöste Variable das Geheimnis des biologischen Todes.
  • Der griechische Buchstabe Tau. Ein Blick in historische Quellen offenbart eine faszinierende Verbindung: In der Antike war das Tau das offizielle Symbol für das Leben und die Auferstehung.
  • Die medizinischen Klammern: Wenn es zwei metallische Klammern sind, sieht das exakt aus wie chirurgische Heftklammern, mit denen man im Operationssaal klaffende Wunden nach einer schweren Operation oder Autopsie zusammenheftet.

Dass Letzteres keineswegs weit hergeholt ist, beweist eine düstere Szene aus dem Manga, die der Anime komplett verschwiegen hat. Nach Kajiis Angriff auf das Schiff der Gilde stoßen Nathaniel und Margaret auf die Leiche des Gilden-Sekretärs James L. (Joyce). Kajii hat den Leichnam in einem präzisen, chirurgischen Eingriff von innen heraus mit seinen Zitronenbomben ausgestopft. Diese weggelassene Sektion beweist: Er ist kein harmloser, verrückter Pyromane. Er hantiert mit Skalpell und Klammern am toten Gewebe, um den Tod im wahrsten Sinne des Wortes zu sezieren.

Dass ein moderner Physiker und Wissenschaftler ausgerechnet traditionelle Holzsandalen (Geta) zu seinem Outfit kombiniert, wirkt wie ein bizarrer Stilbruch. Genau diese Sandalen greifen jedoch das Lebensgefühl des literarischen Protagonisten aus seiner berühmtesten Kurzgeschichte „Die Zitrone“ auf. Darin wandert der vom Leben und der Tuberkulose erschöpfte Ich-Erzähler völlig ziellos, schwermütig und in einfacher Kleidung durch die Straßen von Kyoto. Die Geta sind das Symbol dieses melancholischen Flaneurs, der trotz innerer Dunkelheit die Schönheit in kleinen Dingen sucht.

Im Kontrast zu dem eher sommerlich wirkenden Outfit trägt Kajii einen langen, grünen Schal, der seltsamerweise nicht ausgefranst ist. Da der reale Autor Kajii Motojirō an schwerer Lungentuberkulose litt, sehe ich den Schal das perfekte visuelle Symbol seiner Krankheit. Der Charakter scheint jedoch kerngesund, von der Psyche mal abgesehen.

In der Hafenmafia ist es Tradition, dass jedes neue Mitglied beim Eintritt ein persönliches Geschenk von der Person erhält, die es angeworben hat. So bekam Dazai einst seinen Mantel von Mori und Chuuya seinen berühmten Hut von Rimbaud. Es bleibt der Fantasie der Fans überlassen, was Kajii bei seiner Aufnahme überreicht wurde – vielleicht sein auffälliger Schal oder die markanten Anstecker?


Nicht nur in Bungo Stray Dogs sondern auch in Real scheint Motojiro Kajii nur wenig Aufmerksamkeit zu erhalten, vor allem außerhalb Japans. Von seinen Werken existierte sehr lange nicht mal eine deutsche Übersetzung. Jetzt gibt es zumindest drei die ich auf Amazon finden konnte, zwei davon leider nur über Kindle. Kajii hatte zu Lebzeiten nur kurze Geschichten veröffentlicht die erst nach seinem Tod an unglaublicher Bedeutung gewannen. Die bekannteste davon ist Lemon. In der japanischen Kurzgeschichte ist das Maruzen ein Buchladen in dem der Protagonist einige Bücher aufeinander stapelt und eine Zitrone oben drauflegt. Das Maruzen gibt es in echt und auch da tun es ihm viele, die den Laden besuchen als Hommage gleich. Sie ist auch die Inspiration für Kajiis Fähigkeit „Zitrusbombe“. Im englischen wird daraus das Wortspiel „Lemonade“.


Motojiro besitzt eine seltsam, spezifische Fähigkeit die verhindert, dass er durch seine selbstgebauten, zitronenförmigen Bomben verletzt wird. Dies ermöglicht es ihm, jede Explosion zu überleben, die durch seine Zitronenbomben verursacht wird, unabhängig von seiner Entfernung zur Explosion. Aufgrund seiner anscheinend absoluten Verteidigung gegen seine Zitronenbombenexplosionen nutzt Kajii dies zu seinem Vorteil, um Basen und Feinde anzugreifen und ist sogar in der Lage, ein ganzes Schiff zu versenken.

Die Fähigkeit ist eine Anspielung auf Lemon (檸檬, Remon) Von Motojirō Kajii aus dem Jahr 1924. Es ist eine Ansammlung an Kurzgeschichten und gilt als sein erstes Doujinshi. Das repräsentative Werk der Sammlung, auch gleichnamig „Lemon“ genannt, erzählt die Geschichte eines ziellos umherstreifenden, kranken Protagonisten durch Kyoto, bis er einen Obststand erreicht und von diesem fasziniert, eine einzelne Zitrone kauft. Als er in seinem ehemaligen Lieblingsgeschäft das Fotoalben verkauft, welches ihm neuerdings nur Kummer bereitet hatte vorbeischaut, legt er seine Zitrone auf einen Stapel Bücher und stellt sie sich als Zeitbombe vor. Mit freudiger Aufregung verlässt er das Geschäft mit dem Gedanken daran wie Illustrationen und Kunstwerke des Ladens durch die Luft wirbeln. Das Konzept einer explodierenden Zitrone gab es also schon. Sorry, Cave Johnson!

An seiner Fähigkeit zerbricht sich das Fandom wohl am meisten den Kopf. Die offizielle Beschreibung besagt lediglich, dass er gegen seine selbstgebauten, zitronenförmigen Bomben immun ist. Doch wie sieht diese Immunität in der Praxis aus? Selbst wenn die Explosion ihm nichts anhaben kann, was ist mit den physikalischen Begleiterscheinungen wie dem ohrenbetäubendem Knall, der extremen Hitze, dem Rauch oder dem blendend grellen Licht? Seine markante Schutzbrille könnte hier ein rein praktisches Werkzeug sein, um zumindest seine Augen zu schützen. Absolut faszinierend ist dabei, dass diese Immunität anscheinend untrennbar mit der Form der Bombe verknüpft ist. Da Motojiro im Anime regelrecht von der Ästhetik der Zitrone schwärmt, scheint die Geometrie der Frucht der Schlüssel zu seiner Magie zu sein.

Das wirft unweigerlich die Frage auf, wie er diese hochspezifische Fähigkeit überhaupt jemals entdeckt hat. Niemand baut im Alltag rein zufällig zitronenförmige Sprengkörper und jagt sich damit selbst in die Luft, um zu sehen, was passiert. Es müssen also ganz besondere, womöglich absurde Voraussetzungen im Spiel gewesen sein, die ihn zu dieser Erkenntnis führten. Und selbst wenn man dieses Rätsel knackt, bleibt das logistische Problem: Woher nimmt er all diese Zitronen? Betreibt ein Mafioso wie er nebenbei eine eigene Plantage oder hat er einen verlässlichen, leicht verwirrten Großhändler an der Hand? Nutzt er für die Bomben überhaut echte Zitronen?

Wenn man bedenkt dass er sie alle selbst von Hand baut und komplett alleine, (Er hat wie er selbst sagt drei Nächte durchgemacht und dadurch vergessen Unterwäsche anzuziehen, um nur einen einzigen Angriff vorzubereiten) würden die Bomben verfaulen, sofern echt. Nein, er muss die Metallgehäuse gießen, die Zündmechanismen kalibrieren, den chemischen Sprengstoff im perfekten Verhältnis mischen und die Granaten sicher versiegeln. Im Anime hört man außerdem ein metallisches Geräusch wenn die Zitronenbombe auf dem Boden aufprallt bevor sie detoniert.

Seine Fähigkeit ist so kurios wie sie interessant ist. Und auch deshalb weil sie so limitiert ist. In einer Welt in der Menschen sich in einen Tiger verwandeln, oder die Schwerkraft manipulieren können, ist seine Fähigkeit besonders auf Taktik angewiesen.


1 Kommentar zu „Über Anime, japanische Autoren und…Zitronen“

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